Sommersemester 2019

Intergeschlechtliche Kinder schützen!

Bild: Amnesty International, Illustration Alex Jürgen

Intergeschlechtliche Kinder schützen!

Jede*r hat ein Geschlecht: Das Eigene

(Im Folgenden werden die Pronomen „sie“ und „ihre“ nicht im geschlechtlichen Kontext verwendet, sondern nehmen Bezug auf das Wort „die Person“.)

„Du siehst aus wie eine Frau, also bist du eine Frau“, sagen Leute manchmal, als ob sie mich als Inter*person wegleugnen könnten. Dann versuche ich klarzumachen, dass ich so aussehe, weil bestimmte Dinge passiert sind: Im Alter von einem Jahr wurden mir meine im Bauchraum liegenden Hoden entfernt und seit dem zwölften Lebensjahr nehme ich Hormone. Sonst sähe ich anders aus. Dafür versuche ich ein Bewusstsein zu schaffen – dort, wo es möglich ist. Denn für mich ist es ein Wunschtraum, dass jeder Mensch weiß: Es gibt Inter*menschen – und das ist ganz normal, wie es Frauen und Männer gibt. Und dann gäbe es dieses krasse Erstaunen nicht mehr, mit dem Leute dich angucken wie ein Auto und sagen: „Was, so etwas gibt es?“. (Charlie, Aktivist_in in Deutschland)

Intergeschlechtlich zu sein bedeutet, dass die Geschlechtsmerkmale (Genitalien, Gonaden, Hormone, Chromosomen oder Fortpflanzungsorgane) bei der Geburt nicht mit den geltenden Normen von männlich und weiblich übereinstimmen. Weltweit werden Schätzungen zufolge 1,7 Prozent der Kinder mit einer Variation der Geschlechtsmerkmale geboren. Nicht nur in Deutschland werden diese Kinder häufig operiert oder hormonellen Behandlungen unterzogen, um sie zu „normalisieren“ und ihnen ein eindeutig männliches oder weibliches Geschlecht zuzuweisen. Diese unumkehrbaren medizinischen Eingriffe führen zu anhaltenden körperlichen und seelischen Schäden. Betroffene leiden unter anderem nach einer Sterilisation/Kastration teils lebenslang an Schmerzen, dem Verlust der sexuellen Empfindsamkeit oder großen psychischen Problemen, häufig verbunden mit einem Mangel an Informationen darüber, was ihnen angetan wurde, da viele von ihnen keinen Zugang zu ihren medizinischen Akten haben. So werden ihre Menschenrechte auf Gesundheit, körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung verletzt.

Im medizinischen Bereich wird ausschließlich geschlechterbinär gedacht. Anstatt zu sagen, dieses Kind ist normal und wird sich gesund entwickeln, sagen die Ärzte, dass etwas nicht stimmt und sie es mit einer Operation richten können.

Die Ärzte dachten, dass sie uns etwas Gutes tun, damit wir besser in die Gesellschaft passen. Was sie nicht verstehen ist, dass es mit einem verstümmelten Körper noch schlimmer ist. (Anjo, Aktivist_in, Deutschland)

Alle Menschen werden mit den gleichen Rechten geboren. Warum leben wir das nicht und setzen es konsequent um? Lucie war 22, als ihr ohne medizinische Notwendigkeit die Hoden entfernt wurden. Über die Konsequenzen wurde sie vorab nicht aufgeklärt. Dass sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich fruchtbar gewesen war, hat sie erst 20 Jahre später erfahren.

Ich durfte nicht zeugend sein, weil ich einen intergeschlechtlichen Körper habe. Das ist eine schwere Diskriminierung wegen des Geschlechts. Es ist in mein Selbstbestimmungsrecht eingegriffen worden und auch in meine Familie – ich war zu dem Zeitpunkt schon verheiratet. (Lucie, Aktivist_in in Deutschland)

Lucie verlor durch diese Operation auch ihre Libido und die Lust am eigenen Körper. Sie wurde über all diese hormonellen Auswirkungen vorher nicht informiert. Auch die Partnerschaft zu ihrem Mann und andere soziale Beziehungen veränderten sich – niemand hat das Recht so in die Beziehungen von Menschen einzugreifen!

Der Einsatz und die Aufklärungsarbeit von Organisationen intergeschlechtlicher Menschen haben dazu geführt, dass das Thema der Rechte von intergeschlechtlichen Menschen in eine Erklärung von zwölf UN-Organisationen aufgenommen wurde, in der diese an die Mitgliedstaaten appellieren, der Gewalt und Diskriminierung gegen lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche und intergeschlechtliche Menschen ein Ende zu setzen und die Praxis der „unnötigen Operation und Behandlung von intergeschlechtlichen Kindern ohne deren Einwilligung“ anprangern. Auch Selbsthilfegruppen für Eltern und Betroffene bieten gegenseitige Unterstützung, Informationen und in vielen Fällen organisierte Selbsthilfe an.

Amnesty International fordert:

Krankenhäuser müssen invasive und irreversible Genitaloperationen und Hormonbehandlungen an Säuglingen und Kindern mit Variationen der Geschlechtsmerkmale, bei denen es sich nicht um Notfallmaßnahmen handelt, einstellen, bis diese nach dem Prinzip der sich entwickelnden Fähigkeiten in der Lage sind, aussagekräftig an der Entscheidungsfindung mitzuwirken und ihre informierte Einwilligung zu geben.

Es müssen auf den Menschenrechten basierende Richtlinien für die Gesundheitsversorgung von Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale geschaffen und implementiert werden, um die körperliche Unversehrtheit, Autonomie und Selbstbestimmung zu gewährleisten und sicherzustellen, dass kein Kind invasiven und irreversiblen Eingriffen ausgesetzt ist, die Schaden zufügen und keine Notfallmaßnahmen sind. Die bestehenden Leitlinien (S2k-Leitlinie 174/001), welche in Zusammenarbeit mit drei Selbsthilfeorganisationen von Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale entstanden sind, müssen von allen medizinischen Fachkräften umgesetzt werden.

Das medizinische und psychologische Fachpersonal muss im Hinblick auf die Vielfalt der geschlechtlichen und damit verbundenen biologischen und physischen Erscheinungsformen geschult und weitergebildet werden.

Was kannst du tun?

Unterstütz auch du uns zu diesem Thema! Mach mit bei unserer E-Mail-Aktion an Justizministerin Christine Lambrecht und an Abgeordnete des Bundestages, die bei diesem Thema einen großen Einfluss haben. Schreibe jetzt eine E-Mail, damit intergeschlechtliche Kinder so bald wie möglich besser geschützt werden: amnesty.de/intergeschlechtlich

Du willst mehr zu dem Thema wissen? Dann besuche unsere Veranstaltungen (Eintritt frei):

  • 12. Juni 2019, 19:15 Uhr, Lichtspiel: Doku „Intersexion“
  • 27. Juni 2019, 19:00 Uhr, JuZ: Männlich, weiblich, divers? Eine Inter*-Person erzählt

Weitere Infos und Erfahrungsberichte findet Ihr unter:

Amnesty @ Rock im Park 2019

Amnesty und Rock im Park – das passt einfach. Davon sind Laura, Clemens, Mo, Sven und ich (Lea) überzeugt. Bei strahlendem Sonnenschein und bester Stimmung haben wir drei äußerst spannende Tage in Nürnberg verbracht. Insgesamt vier verschiedene Amnesty-Gruppen aus dem Bezirk Mittel- und Oberfranken waren am Stand vor Ort: Laura und Mo von der Hochschulgruppe in Nürnberg, Clemens von der Stadtgruppe Nürnberg, Sven von der Stadtgruppe Erlangen und ich von der Hochschulgruppe in Bamberg.

Infostand auf Rock im Park

Infostand auf Rock im Park

Wir haben uns zusammengetan, um den Festivalbesuchern die Möglichkeit zu geben, sich über die aktuelle Menschenrechtssituation in der Welt zu informieren. Diese Chance wurde zum Glück von vielen Menschen angenommen und so fanden etliche Allgemeine Erklärungen der Menschenrechte neue Besitzer. Auch über zahlreiche Spenden und sehr viele Unterschriften für unsere Petitionen und Postkartenaktionen haben wir uns gefreut. Bereits nach dem ersten Aktionstag mussten wir neue Petitionslisten drucken, da die Unterstützungsbereitschaft der Besucher unsere Erwartungen übertroffen hat. Insgesamt konnten wir rund 1800 Unterschriften verbuchen.

Am besten wurde die Petition „Halt any plans to carry out executions!”, die sich an die Regierung des Südsudans wendet, angenommen. Die schockierenden Zahlen von 14 Personen, die allein im Jahr 2018 hingerichtet wurden und die 342 Personen, die zum Tode verurteilt wurden, machten viele Besucher sprachlos. Das Recht auf Leben ist unter keinen Umständen verhandelbar.

Auch die Petition „Straflager Yodok schließen!“ gegen grausame Arbeitslager in Nordkorea stieß auf breite Zustimmung. Einige Besucher wussten durch Dokumentationen bereits über die menschenunwürdigen Zustände in den Gefangenenlagern in Nordkorea Bescheid und hinterließen bereitwillig ihre Unterschrift. Bei anderen hingegen kamen Zweifel auf, ob das Engagement von Amnesty International in einer Diktatur wie in Nordkorea überhaupt Wirkung zeigen kann. Dennoch konnten die meisten überzeugt werden, dass dies wenigstens versucht werden muss und das Erreichen von internationaler Aufmerksamkeit für die Misshandlungen ein erster Schritt sein kann.

Aufgrund der großen Unterstützung durch die Besucher haben wir am letzten Festivaltag auch noch die Petition „Wo sind Syriens Verschwundene?“ ausgelegt und auch hierfür eine beachtliche Zahl an Unterschriften gesammelt. Die Forderungen richten sich gegen willkürliche Inhaftierungen und verschleierte Entführungen sowohl von Seiten der Regierung als auch von Seiten der Opposition. Viele Familien leben im Unklaren darüber, was mit ihren Familienmitgliedern geschehen ist.

Außerdem haben wir auf die Menschenrechtsverletzungen in Weißrussland aufmerksam gemacht. Die Postkartenaktion richtete sich in erster Linie gegen Unklarheiten in Bezug auf die immer noch durchgeführte Todesstrafe und forderte eine genaue Aufklärung über das Verschwinden von Gefangenen. Die geografische Nähe zu Weißrussland, wo immer noch massive Menschenrechtsverletzungen wie die Todesstrafe stattfinden, sorgte bei vielen für Bestürzung.

Wir schätzen uns sehr glücklich, dass unser Engagement auf so breite Zustimmung gestoßen ist. Neben vielen interessanten Gesprächen mit aufgeschlossenen Besuchern haben wir auch untereinander neue Freundschaften entwickelt und bereits Pläne für Rock im Park 2020 geschmiedet. Zu guter Letzt möchten wir uns noch bei allen Amnesty Mitgliedern bedanken, die uns bei der Organisation unterstützt und uns Materialien bereitgestellt haben.

Laura, Clemens, Mo, Sven und Lea

21. Oktober 2019